Zur Diskussion über die Hindenburgstraße

Die Umbenennung ist nicht zu begründen mit linker Symbolpolitik, sondern einzutiefst demokratischer Akt gelungener Vergangenheitsbewältigung.

Geschichte ist Wandel. So auch die Bewertung nachfolgender Ereignisse durch Historiker wie Dr. Lambacher, Wolfram Pyta sowie Zeitzeugen Heinrich August Winkler, Hans Mommsen, Thomas Nipperdey u.a. –

Wenn ein Zugriff auf bisher nicht zugängliche oder nicht ausgewertete Dokumente die Möglichkeit bietet, zu neuen anderen Erkenntnissen zu kommen, kann dies nur von Nutzen für die Gesellschaft sein.

Und wenn hierdurch der Hindenburg-Mythos und die Person Hindenburg in seiner herrschaftlichen Eigenschaft und dem von ihm selbst aufgebauten Personenkult neu beleuchtet und hinterfragt wird, will doch niemand bestreiten und verhindern , dass eine generationen-übergreifende Lüge weiterhin Bestand hat.

Jemand,

·der vehement zur Radikalisierung und Verlängerung eines Krieges beigetragen hat,

·den Reichstag und die Reichsregierung massiv getäuscht hat,

·zu den hartnäckigsten Gegnern eines Verhandlungsfriedens gehörte und

·mit geschönten Informationen über die wirkliche Lage hinweggetäuscht hat,

·Verantwortung von sich gewiesen hat,

·der einzig und allein ein Eigeninteresse verfolgte

·und das Fehlen heimatlicher Kraft als Grund zur Niederlage anführt, usw.

wird doch nicht weiterhin – wie damals – in weiten Kreisen der Bevölkerung beliebt und angesehen bleiben?

Zitat: „Hindenburg setzte das Motiv des Verrats von hinterrücks – virtuos und wirkungsvoll für seine Zwecke ein“. (G. Krumeich, 2001)

„Die Wahl Hindenburgs kam …einem Volksentscheid gegen die parlamentarische Demokratie gleich …“ (H.A. Winkler, 2011)

Er ließ sich von ausgewählten Gruppen feiern, und ganz offiziell von den Rechtsparteien. Die Repräsentanten der sozialistischen Arbeiterbewegung waren ausgeschlossen! Auch durften sich diese ab März 1930 nicht mehr an einer Regierung beteiligen.

Hindenburg versuchte definitiv, Hitler und die Nationalsozialisten für eine Regierungsbeteiligung zu gewinnen und ihn nicht zu verärgern.

Hindenburg verursachte eine Staatskrise; er traute Hitler die Gründung einer nationalen Konzentrationsregierung (W. Pyta, 2007) zu.

Der Regierungsauftrag mit Notverordnungsvollmachten und Auflösungsbefugnissen machte den 30. Januar 1933 mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler erst möglich, obwohl Hindenburg durch nichts dazu gezwungen wurde.

Und als am 23. März der Reichstag das Ermächtigungsgesetz beschloss,

war der Weg für Hitler frei.

Der Rest ist bekannt …

Das politische Testament Hindenburgs bekräftigt noch einmal abschließend die Lüge der Dolchstoßlegende und seine Überzeugung, mit Hitler den richtigen Mann zum Reichskanzler ernannt zu haben.

Wer den Anhang zur 1. Ergänzung der Drucksache 489, wie sie uns hier vorliegt,

aufmerksam gelesen hat, kann sich den neueren wissenschaftlichen Erkennt-nissen nicht verschließen – und daraus ergibt sich dringend Handlungsbedarf,

auch wenn hierfür Kosten auf die Anlieger zukommen!

Diese Straßenumbenennung ist sicherlich nicht eine der größten Sorgen von Voerde; aber eine ernstzunehmende! Und: sie gehört zum Bereich Kultur – der Kultur eines Gemeinwesens! Denn sie besagt etwas über das Miteinander der Menschen und deren Umgang miteinander.

Eine letzte Frage sei gestattet: Was erzählen Sie Ihren Kindern und Enkeln,

wenn diese nach dem Namensgeber der jetzigen Hindenburgstraße fragen?

Ingrid Hassmann,