Voerde – Geschichte mit Rad

Bei wunderschönem Wetter haben wir heute mit zahlreichen tollen Menschen aus Voerde eine kleine geschichtsträchtige Radtour unternommen. Die Wettervorhersage hat Übles annehmen lassen, nämlich Regen und Hagel und Gewitter. Die Realität aber war sonnig und warm mit Tendenzen zu heiß.  Wo wir los fuhren und was das Ziel war, lest Ihr hier:

Ralf Dickmann hatte eine tolle Tour ausgearbeitet, die am Freibad Voerde starten sollte. Das Freibad Voerde ist eines der Kernelemente der Stadt, dass wohl jede*r kennt. Allerdings dürfte der Kreis derer, die wissen, dass es schon ein Mal geschlossen werden sollte, viel kleiner sein. Das Grundstück sollte zwischendurch wegen seiner exklusiven Lage verkauft werden. Eine Initiative aus Bürger*innen konnte das verhindern und im Anschluss gründete sich der Förderverein, heute bekannt als „Förderverein Voerder Bäder“.

Ca. 450 Mitglieder unterstützten die Stadt beim Betrieb, der Wartung und dem Erhalt des Bades, allen voran die legendäre „5. Kolonne“.  Mehr als 140.000€ hat der Förderverein inzwischen eingebracht. Jetzt, mit Corona, unterstützt man vor allem durch die Finanzierung von zusätzlichem Personal und bei der Einhaltung der Hygienevorschriften.

Mittlerweile steht ja der politische Beschluss, am Standort des Freibades das neue Kombi-Bad zu errichten. Aus Grüner Sicht muss dabei unter anderem (also neben der Finanzierung, der Frage was das Bad bieten soll usw.) auch berücksichtigt werden:

  1. Das möglichst viele der alten und wunderschönen Bäume erhalten bleiben
  2. Das möglichst viel regenerative Energie (auch zum Heizen) verwendet wird
  3. Das möglichst wenig Fläche versiegelt wird
  4. Das eine höchst mögliche Barrierefreiheit und Familienfreundlichkeit erreicht wird

 

Der zweite Punkt auf der Tour war die Gedenkstätte Buschmanshof. Dieses erinnert an ein Zwangsarbeiterlager der Firma Krupp während der NS-Herrschaft. Das Lager in Voerde ist deswegen von besonderer Bedeutung, weil hier zu Ende des Krieges von 120 untergebrachten Kindern und Kleinkindern 99 ums Leben kamen.

Das Denkmal selbst wurde 1987 von der ehemaligen Friedensgruppe errichtet, die an die 1.000 hier untergebrachten „Ostarbeiter“ erinnern wollte, die jeden Tag von hier nach Essen zu Krupp gebracht wurden, um in der Waffenschmiede der Nationalsozialisten zu arbeiten. Dabei wurden Mütter von ihren Kindern getrennt, alleine 88 Kinder starben zwischen August 1944 und März 1945.

Es gibt ein Buch über die Geschehnisse, das von Bündnis 90 / DIE GRÜNEN mitfinanziert ist, damit dieser Teil dieser Geschichte nie vergessen wird. Und es muss ein Mahnmal sein, dass wir insbesondere dann in Erinnerung haben, wenn Menschen auf der Flucht vor Leid, Krieg, Terror und Tod nach Deutschland kommen und auch nach Voerde. Unserer Ansicht nach muss solchen Menschen Zuflucht gegeben werden. Die „Flüchtlingskrise“ um 2015 hat allerdings gezeigt, dass Voerde genau ein solcher Ort wurde, der Menschen in Not eine, wenn auch vielleicht nur vorübergehende, Heimat bietet.

Und das ist für uns, auch wenn der Antrag „Sicherer Hafen“ abgelehnt wurde, Ansporn weiter politisch für die Menschen einzustehen, die keine Lobby haben.

Der dritte Halt war die Schautafel Klosterkamp.

Der Stadtteil Stockum, in dem der Klosterkamp liegt, wurde bereits 1233 erwähnt als Haus von Stockum des Heinrich von Stockum. 1467 wurde hier das Kloster Marienacker als Beginenkloster errichtet und die Straße Klosterkamp folgte 1950. Bei Ausgrabungen wurden im Jahr 1955 die Reste des Klosters gefunden.

Die Schautafel ist von den Stockumer Heimatfreunden errichtet und zeigt historische Gebäude und Gegebenheiten. Seit der Eintausend-Jahr-Feier im Jahr 2003 haben die Heimatfreunde aktive Quartiersarbeit betrieben, wozu auch gesellschaftliche Veranstaltungen wie die Klönabende oder das Osterfeuer gehören. Insbesondere neu hinzuziehende Menschen werden begrüßt. Es gibt inzwischen auch einen Förderverein der Kirche, Sommerfeste und einen eigenen Bildkalender. Die hier gelebte Quartiersarbeit hat Vorbildcharakter für ganz Voerde. Nicht ganz ohne Stolz möchten wir darauf hinweisen, dass die Grünen in Voerde schon seit der Gründung die Heimatfreunde begleiten. Das Zusammenwachsen von Alt und Jung, alteingesessenen und neu hinzuziehenden Menschen ist das, was wir gerne überall sehen würden, auch in den neuen Quartieren Pestalozzi und Rönskenhof.

Der Rönskenhof ist dann auch das nächste Ziel der Radtour gewesen.

Erwähnt wurde er erstmals um 1500 und gehört damit zu den ältesten Orten, die man noch besuchen kann. Im 17 Jahrhundert war es ein Lehnshof von Haus Voerde, 1949 erwarb die Kirchengemeinde Götteswickershamm das Grundstück.

Das Besondere sind die Fenster aus Taize, die auf der Ostseite den Sonnenaufgang und auf der Westseite den Sonnenuntergang darstellen. Es wäre wünschenswert, wenn diese auf jeden Fall erhalten bleiben und nicht – hier schauen wir auf das Glockenspiel in Dinslaken – verschwinden.

Durch interne Umstrukturierungen und schwindende Mitgliederzahlen soll dieser Standort aufgegeben werden und der Wohnbebauung zugeführt werden. Das ist für uns Grüne an der Stelle problematisch, an der wir feststellen, dass 55 teils wunderschöne Bäume auf dem Gelände stehen, darunter ach Walnussbäume und Linden. Bereits am 10.07.2020 hatten wir hier die Anwohner zu einer Veranstaltung geladen, weil wir glauben, dass das Gelände nur dann erfolgreich entwickelt werden kann, wenn die Belange der Natur – damit auch der Grünen und des NABU – und der Anwohner in der Nachbarschaft berücksichtigt werden.

Letzte Station heute war die Stockumer Schule, nicht Voerdes einziges, aber Voerdes einzigartiges Jugendzentrum.

Die erste Schule in Stockum befand sich am Rande des heutigen Friedhofes an der Frankfurter Straße und wurde 1699 gebaut. Das Gebäude bestand aus einem Raum und untergebracht war dort der Schulraum, sowie die Schlafstätte des Lehrers. Das Gebäude wurde 1865 abgebrochen.

Ab 1733 besuchten die Kinder die Buttenhammer Schule. Diese wurde zu klein und so wurde 1894 die Stockumer Schule gebaut und gegründet, die wir heute kennen. Die einklassige „Volksschule“ bestand hier bis 1967. Dann wurden die „Zwergschulen“ in der damaligen Gemeinde Voerde aufgelöst und in größere Schulsysteme überführt.

Seit nunmehr 35 Jahren ist die Stock das einzige selbst-verwaltete Jugend- und Kulturzentrum im Umkreis und immer noch eine anerkannte und wichtige Anlaufstation für Kinder und Jugendliche aus Voerde. Viele haben hier ihre ersten Demokratie- und Mitbestimmungserfahrungen gemacht.Solche Einrichtungen sind gerade in der heutigen Zeit wichtig für die demokratische und politische Sozialisation von Jugendlichen.

Daneben finden auch zahlreiche Kulturveranstaltungen „für Jung und Alt“ hier statt, darunter auch spannende Lesungen. Die Stock ist also Kulturzentrum, Jugendzentrum, aber vor allem eben „die Stock“. Etwas, ohne das man sich Voerde nicht vorstellen kann.

Und hier endete dann, mit einer offenen Fragerunde an unseren Bürgermeisterkandidaten Dirk Haarmann, die heutige Fahrradtour. Und wenn der Eindruck nicht täuscht, können wir so etwas jetzt wohl öfter anbieten. 🙂

Die historischen Details, die heute vermittelt wurden, entstammen zumeist den nachfolgenden Büchern. Die sich auch empfehlen, wenn man mehr über Voerde wissen möchte:

  • „Das Klosterviertel“ – Wenn Strassen erzählen von Helmut Schmitz
  • Ausgrabungen vom Kloster Marienacker in Voerde / Stockum – Heimatkalender 1958
  • Lager Buschmannshof , Herausgeber Friedensgruppe Voerde – Titel „Alles eine Lüge“
  • Flüchtlingsproblematik – „Durch die Hölle zum Leben“ von Joachim Haupt. Joachim Haupt hat noch ein Folgebuch herausgebracht mit dem Titel „Der Erebsenfolterer“
  • Michael Dahlmanns „Alltagsgeschichten von 1900 – 1945.“ Es gibt inzwischen auch ein Folgebuch, dass den Zeitraum  1945 – 2000 umfasst

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